(K)Eine Gefahr für die herrschende Ordnung? Alice Weidel als Beispiel für die Einhegung von Widersprüchen in der extremen Rechten
Rassismus und Heteronormativität als Basis
Gleich drei Dokumentationen sind Anfang 2025 im öffentlich-rechtlichen Rundfunk über Alice Weidel erschienen (vgl. tagesschau24 2025, ARTE 2025, ZDF 2025), zahlreiche Artikel und diverse Reels machen sie zum Thema, nicht selten fällt dabei der Begriff „widersprüchlich“. Tatsächlich scheinen die verschiedenen ‚Seiten‘ Alice Weidels nicht leicht zusammenzubringen zu sein: Einerseits lebt sie mit ihrer Partnerin of Color in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft, andererseits steht sie an der Spitze der extrem rechten Alternative für Deutschland (AfD), für die sie u. a. Anfang 2025 als Kanzler*innenkandidatin antrat. Die Frage, wie Weidel ihr Engagement in der rassistischen und queerfeindlichen AfD mit sich selbst oder mit ihrer Familie ausmacht, kann wohl nur sie selbst beantworten. Welche Frage sich beim Blick auf diese Konstellation allerdings auch stellt: Wieso wird Alice Weidel ihre Existenz und Prominenz als lesbische Frau in einer männerdominierten Partei, die antifeministische Werte vertritt, nicht zum Verhängnis? Wieso akzeptieren sowohl Parteimitglieder als auch AfD-Wähler*innen Weidel als das Gesicht ihrer Partei, wo sie privat doch offenbar etwas ganz anderes verkörpert als die Parteiposition vorsieht? Geht von ihr nicht qua Identität eine ‚Gefahr‘ für die Ordnung aus, die die AfD vertritt?
Um die Position von Alice Weidel in ihrer Partei zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse. Zum einen ist dafür das Bewusstsein relevant, dass Rassismus als „kollektives Erbe“ (Arndt 2017: 44) über individuelle Einstellungsmuster hinausgeht. Historisch gewachsen prägt die Vorstellung von vermeintlich natürlichen Unterschieden zwischen weißen Menschen und People of Color, die Weißen unterordnet werden, das Denken, Empfinden und Handeln Einzelner sowie die Aufstellung und Agitation von Institutionen. „Rassismus stellt uns in eine jahrhundertealte Tradition von Wissen, gesellschaftlichen Strukturen und gewaltvollem Handeln. Kein anderes System der Unterdrückung einer Kultur durch eine andere hat strukturell wie diskursiv eine solch tiefgreifende, nachhaltige wie global weitreichende Agenda erschaffen wie die Wissens- und Machtstruktur des Rassismus“ (ebd.: 41 f.). In Form des sogenannten Kulturrassismus bestehen diese Strukturen fort, indem konstruierte gruppenspezifische Unterschiede mit (angenommenen) Kultur- oder Religionszugehörigkeiten begründet werden.
Zum anderen ist die herrschende Geschlechterordnung zentral für das Verständnis von Weidels Position. In ihr gelten nämlich klare Vorstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit. Etwa seit dem 19. Jahrhundert wird Weiblichkeit dabei als das konstitutiv Andere zu Männlichkeit gedeutet (vgl. Connell 1999: 88), mit komplementären Eigenschaften/Praktiken versehen und in dem Zuge Männlichkeit untergeordnet: Ideale Männer sind stark, durchsetzungsfähig, rational und begehren Frauen; ideale Frauen sind schön, zurückhaltend, fürsorglich und begehren Männer. Die herrschende Geschlechterordnung ist auf diese Komplementarität, also diese Relationalität der Geschlechterkonstruktionen angewiesen, weswegen Abweichungen abgestraft werden (vgl. Schippers 2007: 95). Schüchterne, schwule Männer erfahren ebenso Abwertung wie sexuell aktive Frauen oder laute Lesben (wenn auch auf unterschiedliche Art). Da beides Unterwanderungen der binären und heteronormativen Geschlechterordnung und somit eine Bedrohung ihrer vermeintlich universellen Gültigkeit sind, werden entsprechende Personen zur ‚Gefahrenreduktion‘ stigmatisiert und exkludiert.
Die vermeintliche Gültigkeit dieser Komplementarität der Geschlechter hebt die AfD sogar explizit in ihrem Programm zur Bundestagswahl 2025 hervor: „Weiblichkeit und Männlichkeit sind mit ihren unterschiedlichen Potenzialen etwas Positives. Dadurch können sich Frauen und Männer hervorragend ergänzen“ (AfD Bundesverband 2025: 151). Für die extreme Rechte war und ist die relationale, hierarchische Geschlechterordnung ein elementarer Bestandteil ihrer Ideologie (vgl. Bitzan 2016). Einerseits weil Geschlecht „als sozialer Platzanweiser innerhalb der streng anti-individualistischen und autoritär-hierarchischen Konstruktion der ‚Volksgemeinschaft‘ [fungiert]“ (Lang 2025: 53) und für eine klare Aufgabenverteilung sorgt (Mann = Verteidigung des Vaterlandes, Frau = Reproduktion des Volkes). Andererseits geht es aber auch grundsätzlich „um die Verteidigung einer als ‚natürlich‘ verklärten Ungleichheit unter Menschen und um die Verteidigung eines Weltbildes, das darauf beruht“ (ebd.: 19) und auf dessen Basis ebenso rassistische Gesellschaftsentwürfe gerechtfertigt werden. Im Falle der AfD zeigt sich das prägnant in dem Kapitel ihres Wahlprogramms „Deutsche Leitkultur statt ‚Multikulturalismus‘“ (AfD Bundesverband 2025: 170 ff.) sowie bspw. in dem Sprechen von „kulturelle[n] Differenzen“ (ebd.: 161), die eine arbeitsmarktpolitische Einbindung migrierter Menschen verhindern würden.
Vor diesem Hintergrund erscheint eine homosexuelle Frau mit einer Partnerin of Color an der Spitze der AfD umso fragwürdiger. Ein genauerer Blick auf Alice Weidels Auftreten und ihren Umgang mit den Themen Queerness und Gender zeigen jedoch: Indem sie diese beide Themen aktiv in ihr rassistisches und heteronormatives Weltbild einfügt, stärkt sie die rassistische Gesellschaft- und relationale Geschlechterordnung aktiv – was offenbar stärker wiegt als die Gefahr, die von ihrer Existenzweise als lesbische Frau in der Politik für die herrschenden Ordnungen ausgeht.
Inszenierung ihrer Homosexualität als Teil eines rassistischen Weltbildes
Anstelle der „sonstigen Verschlossenheit“ (Degen 2024: 267) in Bezug auf ihr Privatleben, reagierte Alice Weidel 2017 „erstmals öffentlich auf die medial bereits kontrovers diskutierte Tatsache einer lesbischen Politikerin* an der Spitze einer homofeindlichen Partei“ (ebd.). Dabei deutete sie ihre Homosexualität nicht im klassisch-nationalistischen Sinne als Problem, weil „[d]er_die Homosexuelle […] sich dem Projekt der Reproduktion der Nation entzieht“ (Wielowiejski 2018: 147), sondern integrierte ihr Lesbischsein in eine rassistische Weltanschauung. Hierfür erklärte Weidel bei der Wahlkampfveranstaltung in Viernheim: „Ich bin nicht trotz meiner Homosexualität, sondern grade wegen meiner Homosexualität in der Alternative für Deutschland“ (zitiert nach Degen 2024: 267). Als Grund hierfür gab sie auch in einem Interview mit dem extrem rechten Blogger David Berger die vermeintlich ‚massive Zunahme homophober Übergriffe‘ durch ‚junge muslimische Migranten‘ an (vgl. Berger 2017). Ebenso wie die sexualisierte Gewalt in der sogenannten Kölner Silvesternacht werden hierbei (tatsächliche oder vermeintliche) queerfeindliche Angriffe rassistisch aufgeladen und instrumentalisiert. Als „die einzige große Gefahr“ (Weidel in: Berger 2017), die homosexuellen Menschen drohe, nennt Weidel „die Islamisierung“ (ebd.) und präsentiert als Lösung die Politik ihrer Partei: Die AfD sei „die einzige echte Schutzmacht für Schwule und Lesben in Deutschland“ (ebd.). Die Tatsache, dass sie durch ihr Lesbischsein nicht der herrschenden Gesellschafts- bzw. Geschlechterordnung entspricht, setzt sie in diesem Zusammenhang also aktiv für den Erhalt bestehender rassistischer Gesellschaftsstrukturen ein. Damit ‚entschärft‘ sie ein Stück weit die von ihrer offen gelebten Sexualität ausgehende Bedrohung für tradierte Strukturen.
Einhegung ihrer geschlechtlichen und sexuellen Existenzweise in ein heteronormatives Weltbild
Darüber hinaus thematisiert Weidel queere Lebens- und Existenzweisen nur im Sinne einer Stärkung der binären Geschlechterordnung, indem sie z. B. in ihrer Rede auf dem AfD-Parteitag von ‚queer-wokem Wahnsinn‘ (vgl. ARD 2025 ab Min. 12:36) sowie von Universitäten als ‚queer-woken Kaderschmieden‘ (vgl. ebd. ab Min. 15:43) spricht und beschreibt „was wir tun werden, wenn wir am Ruder sind: Wir schließen alle Gender Studies und schmeißen diese Professoren raus. So!“ (vgl. ebd. ab Min. 15:53). Auch in ihrem Buch „Widerworte. Gedanken über Deutschland“ (2019) konstruiert Weidel die „‚Gender-Mainstreaming‘-Ideologie“ (2019: 31), „Früh- und Hypersexualisierung, Genderismus“ (ebd.: 37), „Genderbeauftragte“ (ebd.: 93) und „Gender-Agitation“ (ebd.: 105) als zentrale politische Feindbilder, gegen die sich ihre Politik richte. Auch der AfD Bundesverband macht in seinem Wahlprogramm unter der Überschrift „Die zwei Geschlechter sind eine biologische Tatsache“ (2025: 150) klar, dass die AfD sich gegen geschlechtliche und sexuelle Vielfalt positioniert, wie sie unter dem Begriff ‚queer‘ verstanden und verkörpert in queeren Anderen – vor allem in nichtbinären, agender Personen etc. – gesehen wird. In diesem Sinne wurde auf dem Bundesparteitag der AfD 2025 die völkische Definition von Familie auch noch mal queerfeindlich zugespitzt, indem dem Satz „Die Familie ist die Keimzelle der Gesellschaft“ der Teilsatz hinzugefügt wurde: „Die Familie, bestehend aus Vater, Mutter und Kindern, ist die Keimzelle der Gesellschaft“ (vgl. Protokoll des AfD Bundesparteitags, veröffentlicht von: Autonome Antifa Freiburg 2025: 43; Herv. i. O.). Diese Änderung wurde einstimmig angenommen. Alice Weidel selbst hat dem also zugestimmt und auch im Nachhinein beteuert, hinter der Formulierung ihrer Partei zu stehen (vgl. Der Spiegel 2025). Durch ihre Inszenierung als ‚normale Homosexuelle‘ (vgl. Weidel 2019: 142), die daher auch trotz ihrer eigenen Queerness heteronormative Familienbilder mitträgt, sowie ihre lautstarke anti-genderistische Agitation zieht Weidel binäre Geschlechterkonstruktionen daher nicht in Zweifel, sondern stärkt diese gezielt. Ihre geschlechtliche und sexuelle Existenzweise mag vielleicht die angeblich natürliche Gültigkeit der herrschenden Geschlechterordnung grundsätzlich infrage stellen – ihr Auftreten hingegen stellt keinerlei Bedrohung der geschlechtlichen (und rassistischen) Ordnung, sondern vielmehr eine aktive Unterstützung dar. Das eine kann offenbar vor dem Hintergrund des anderen in Kauf genommen werden.
Fazit
Aus der Perspektive der extremen Rechten ließe sich trotzdem fragen: Wieso dieses Risiko eingehen, das eine lesbische Parteivorsitzende bspw. mit Blick auf die Definition von Familie potenziell birgt? Wäre ein heterosexueller Mann nicht ‚ungefährlicher‘, unaufregender, eindeutiger? Doch vielleicht geht es genau darum: Etwas mit der Eindeutigkeit zu brechen – egal, wie bewusst oder gezielt, auf jeden Fall symbolisch. Schließlich ist in den letzten Jahrzehnten im Bereich der Geschlechterpolitiken viel passiert und auch die extreme Rechte muss sich in manchen Punkten verändern und anpassen, um im 21. Jahrhundert hegemoniefähig werden/bleiben zu können. Diese Gleichzeitigkeit aus Veränderung der eigenen Inhalte, Strategien und Akteur*innen, um anschlussfähig zu sein, und der Reproduktion tradierter Geschlechter-, Familien- und Menschenbilder macht den Umgang mit der extremen Rechten heutzutage zu einer vielschichtigen Herausforderung – wie das Beispiel einer lesbischen AfD-Spitzenpolitikerin zeigt, die gleichermaßen als Beispiel für Wandel wie den Erhalt von Rassismus und Heteronormativität gelten kann.
Literatur
ARD (2025): AfD-Parteitag: Rede von Alice Weidel. Online verfügbar unter https://www.ardmediathek.de/video/phoenix-vor-ort/afd-parteitag-rede-von-alice-weidel/phoenix/Y3JpZDovL3Bob2VuaXguZGUvNDc0MDQ2Mg, zuletzt geprüft am 05.04.2025.
Arndt, Susan (2017): Rassismus. Eine viel zu lange Geschichte. In: Karim Fereidooni und Meral El (Hg.): Rassismuskritik und Widerstandsformen. Wiesbaden: Springer VS, S. 29–45.
ARTE (2025): Alice Weidel, radikal, provokant, widersprüchlich. Online verfügbar unter: https://www.arte.tv/de/videos/124958-000-A/alice-weidel-radikal-provokant-widerspruechlich/, zuletzt geprüft am: 18.11.2025.
Autonome Antifa Freiburg (2025): Protokoll des 16. Bundesparteitages der Alternative für Deutschland am 11. und 12. Januar 2025 in Riesa. Online verfügbar unter https://autonome-antifa.org/IMG/pdf/25-01-11-afd-bundesparteitag-riesa-protokoll.pdf, zuletzt geprüft am 05.04.2025.
Bitzan, Renate (2016): Geschlechterkonstruktionen und Geschlechterverhältnisse in der extremen Rechten. In: Fabian Virchow, Martin Langebach und Alexander Häusler (Hg.): Handbuch Rechtsextremismus. Wiesbaden: Springer VS, S. 325–373.
Connell, Raewyn (1999): Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Opladen: Leske und Budrich (Geschlecht & Gesellschaft, 8).
Degen, Kathrin (2024): Flexible Normalität. Über die fragile Zugehörigkeit von cis Frauen und LSBTI-Personen zur extremen Rechten. Bielefeld: transcript.
Der Spiegel (2025): Weidel sieht ihr Lebensmodell nicht im Widerspruch zu AfD-Familienbild. Online verfügbar unter https://www.spiegel.de/politik/alice-weidel-afd-chefin-sieht-ihr-lebensmodell-nicht-im-widerspruch-zum-familienbild-der-partei-a-2e25060c-9367-457a-b4da-c61b6b9c5bb4, zuletzt geprüft am 17.04.2025.
Lang, Juliane (2025): Rechtsextremismus im Wandel. Wiesbaden: Springer VS.
Schippers, Mimi (2007): Recovering the feminine other: masculinity, femininity, and gender hegemony. In: Theor Soc 36 (1), S. 85–102.
tagesschau24 (2025): Alice Weidel: Frau der Widersprüche? Online verfügbar unter: https://www.ardmediathek.de/video/tagesschau24/alice-weidel-frau-der-widersprueche/tagesschau24/Y3JpZDovL3RhZ2Vzc2NoYXUuZGUvZTgyNGM5MGQtYjNiMi00OGU1LTk2N2UtODhjNTNkYWFlMjM0, zuletzt geprüft am 18.11.2025.
Wielowiejski, Patrick (2018): Homosexuelle gegen Gender Mainstreaming. Antifeministische und antimuslimische Homofreundlichkeit in der Alternative für Deutschland. In: Juliane Lang und Ulrich Peters (Hg.): Antifeminismus in Bewegung. Aktuelle Debatten um Geschlecht und sexuelle Vielfalt. Hamburg: Marta Press, S. 139–158.
ZDF (2025): Alice Weidel – Ein Porträt. Online verfügbar unter: https://www.zdf.de/portraits/alice-weidelein-portraet-movie-100, zuletzt geprüft am 18.11.2025.
Quellen
AfD Bundesverband (Hg.) (2025): Zeit für Deutschland. Programm der Alternative für Deutschland für die Wahl zum 21. deutschen Bundestag. Berlin.
Berger, David (2017): Alice Weidel: „Die AfD ist die einzige echte Schutzmacht für Schwule und Lesben in Deutschland“. Philosophia Perennis. Online verfügbar unter philosophia-perennis.com/2017/09/20/alice-weidel-interview/, zuletzt geprüft am 13.04.2025.
Weidel, Alice (2019): Widerworte. Gedanken über Deutschland. 2. Auflage. Kulmbach: Plassen Verlag.