Rechte (der) Frauen. Lukreta und die neue rechte Sisterhood

Rechte Frauengruppen wie Lukreta treten als Verteidigerinnen von Frauenrechten auf und vernetzen sich europaweit. Der Beitrag zeigt, warum ihr Aktivismus mehr ist als bloße Instrumentalisierung. Sie bauen auf feministischen Errungenschaften auf, mobilisieren uneingelöste Konflikte im Geschlechterverhältnis und stabilisieren zugleich enge Vorstellungen von Weiblichkeit.

Von Viktoria Rösch

European Sisterhood von rechts? 

In den vergangenen Jahren sind in mehreren europäischen Ländern neue rechte Frauengruppen entstanden, die sich selbst als Verteidigerinnen von Frauenrechten inszenieren. In Deutschland ist hier vor allem die Gruppe Lukreta zu nennen. Nach einem ähnlichen Vorbild bildete sich in Frankreich das Collectif Némésis. In ihrem Manifest reklamiert die französische Frauengruppe: „Nous sommes la génération Cologne“[1], wir sind die Generation Köln. Damit beziehen sich beide Gruppen auf ein zentrales Initiationsereignis: die Kölner Silvesternacht 2015/2016. Die Gruppen präsentieren sich als junge Verfechterinnen von Frauenrechten, und setzen Migration, reproduktive Fragen oder Fragen sexualisierter Gewalt als zentrale Themen ihrer politischen Arbeit.

Neben den bereits erwähnten Gruppen in Frankreich und Deutschland gibt es auch Némésis Suisse, Collectif Némésis Italia und seit 2025 Women Safety UK[2].Aktivistinnen treten bei Veranstaltungen in verschiedenen Ländern auf, beziehen sich in sozialen Medien aufeinander und nutzen ähnliche Symboliken und Protestformen. Aktionen zum Internationalen Frauentag oder gemeinsame Kampagnen verdeutlichen, dass hier bewusst eine rechte europäische „Sisterhood“ präsentiert werden soll.

Schnell entsteht dabei der Eindruck, diese rechten Akteurinnen würden feministische Anliegen lediglich für rassistische und transfeindliche Positionen instrumentalisieren. Diese Erklärung greift jedoch an einigen Stellen zu kurz. Sie verkennt, dass rechte Frauengruppen auf reale gesellschaftliche Konflikte und deren mangelnde strukturelle Bearbeitung reagieren, etwa auf die Care-Krise oder ein hierarchisches Geschlechterverhältnis. Zugleich bauen sie auf Verschiebungen im Geschlechterverhältnis auf: Feministische Kämpfe haben sexualisierte Gewalt, Selbstbestimmung und Sicherheit im öffentlichen Raum sichtbarer gemacht. Rechte Frauengruppen greifen diese Errungenschaften auf und verknüpfen sie mit nationalistischen, migrationspolitischen und cis-geschlechtlichen Deutungen. Im Folgenden soll diese Entwicklung anhand von Lukreta und ihrer europäischen Schwestergruppen skizziert werden

 

Sexualisierte Gewalt – Femonationalistische Verschiebungen 

Was machen diese Gruppen? Ihr Aktivismus knüpft an reale gesellschaftliche Erfahrungen an. Sexualisierte Gewalt ist für viele Frauen ein alltägliches Thema. Zugleich ist es Ergebnis feministischer Kämpfe, dass sexualisierte Gewalt und Alltagssexismus heute öffentlich thematisierbar sind (wenngleich dies auch vielfach zu Abwehrreaktionen führt). Genau diese Sichtbarkeit bildet politische Anschlussstellen. Rechte Frauengruppen greifen diese Erfahrungen auf und übersetzen sie in ihre eigenen politischen Deutungen. Diese Entwicklung wird bereits länger unter dem Begriff des „Femonationalismus“ (Farris 2017) diskutiert. 

Gemeint ist damit die Verknüpfung von Frauenrechten mit nationalistischen und migrationspolitischen Projekten. In den vergangenen Jahren gab es eine Reihe gesellschaftlicher Ereignisse und Debatten, in denen Erfahrungen von Sexismus und sexualisierter Gewalt öffentlich geteilt und politisch verhandelt wurden. Bereits 2013 machten unter dem Hashtag #aufschrei zahlreiche Frauen Erfahrungen mit Alltagssexismus und sexualisierter Grenzüberschreitung sichtbar. Mit #MeToo gewann diese Thematisierung einige Jahre später erneut internationale Reichweite. Sexualisierte Gewalt erschien damit nicht mehr nur als individuelles Erlebnis, sondern als gesellschaftliches Problem. An diese Verschiebung konnte die extreme Rechte im Zuge der Kölner Silvesternacht 2015/2016 anknüpfen (Wielens 2019). Die Gewalt wurde dabei nicht als Ausdruck patriarchaler Geschlechterverhältnisse gedeutet, sondern vor allem als Folge von Migration, „fremder“ Männlichkeit und staatlichem Kontrollverlust gerahmt. Ähnlich zeigte sich dies im Fall Kandel, der zeitlich mit der #MeToo-Debatte zusammenfiel (Näheres zu Kandel: AK-Fe.In 2019: 144ff). Auch hier wurde Gewalt gegen Frauen zum Ausgangspunkt migrationspolitischer Mobilisierung. Diese Deutungen setzen sich fort und kulminieren heute in Posts mit dem Slogan „Remigration schützt Frauen“. Gerade daran zeigt sich, warum die Rede von bloßer Instrumentalisierung zu kurz greift. Rechte Frauengruppen greifen feministische Themen nicht einfach von außen auf. Sie bewegen sich in einem Geschlechterverhältnis, das sich durch feministische Kämpfe bereits verschoben hat: Das Thema Gewalt gegen Frauen ist politisch adressierbar geworden. Diese Verschiebung eröffnet rechten Akteurinnen Handlungsspielräume. Sie können sich als Verteidigerinnen von Frauenrechten inszenieren, eigene Kampagnen entwickeln, Protestaktionen organisieren und politische Forderungen formulieren, die gezielt an gesellschaftliche Konflikte anschließen.

In öffentlichen Debatten werden Frauen in rechten Bewegungen häufig als Randfiguren dargestellt: als Mitläuferinnen, Unterstützerinnen oder symbolische Figuren einer traditionellen Geschlechterordnung. Diese Perspektive greift jedoch zu kurz. Rechte Frauen agieren nicht nur innerhalb dieser Bewegungen, sondern prägen deren politische Strategien aktiv mit. Gerade die Bezugnahme auf Frauenrechte ermöglicht ihnen eine spezifische Form politischer Artikulation. Als „besorgte Frauen“, „Mütter“ oder moderne, selbstbewusste Aktivistinnen können sie rechte Botschaften in einer Form vortragen, die gesellschaftlich weniger bedrohlich erscheint als die Inszenierung männlicher rechter Akteure.

Die Beteiligung von Frauen an nationalistischen und autoritären Bewegungen ist kein neues Phänomen. Historische Beispiele zeigen, dass sich feministische Forderungen und nationalistische Politik schon früher verknüpft waren. So entwickelte sich die Frauenrechtlerin Käthe Schirmacher im frühen 20. Jahrhundert von einer prominenten Vertreterin der Frauenbewegung zu einer politischen Akteurin deutschnationaler Kreise (vgl. Oesch 2017). Solche Konstellationen verdeutlichen: Rechte Frauen sind weder bloße Opfer patriarchaler Strukturen noch lässt sich ihr Aufgreifen feministischer Anliegen nur als oberflächliche Instrumentalisierung verstehen. Sie bearbeiten reale Konflikte im Geschlechterverhältnis jedoch in nationalistischer, rassistischer und antifeministischer Weise. 

 

Weibliche Malaise 

Rechte Frauengruppen greifen in ihren Social-Media-Auftritten reale Erfahrungen auf: etwa die Unsicherheit vieler Frauen, nachts allein im öffentlichen Raum unterwegs zu sein. Zugleich verweisen sie auf Fälle sexualisierter Gewalt und Femizide durch migrantisierte Männer. Diese Erfahrungen und Fälle sind nicht erfunden. Entscheidend ist jedoch, wie sie politisch gedeutet werden.

Der Soziologe Leo Löwenthal beschrieb in seinen Analysen amerikanischer Radioagitatoren, wie diese reale gesellschaftliche Unzufriedenheiten aufgreifen und in vereinfachte Feindbilder übersetzen. Die zugrunde liegenden Probleme verschwinden dadurch nicht, werden jedoch in eine andere politische Richtung gelenkt (Löwenthal 1982). Ähnlich lässt sich auch die Argumentation rechter Frauengruppen verstehen: Sie greifen reale Erfahrungen von Unsicherheit auf, verschieben deren Ursachen jedoch in vereinfachte Projektionen, etwa  auf ‚den migrantisierten Anderen‘, ‚den Staat‘, ‚den Feminismus‘ oder geschlechterpolitische Liberalisierungen.

Löwenthal macht als „Ursache und Keimboden der Agitation“ die Malaise aus (ebd.: 149). Damit beschreibt er eine Gefühlsstruktur, die aus dem uneingelösten Gleichheitsversprechen moderner, demokratischer Gesellschaften hervorgeht. Analog lässt sich von einer weiblichen Malaise sprechen: einem Unbehagen, das aus der Spannung zwischen emanzipatorischem Gleichheitsversprechen und fortbestehender Erfahrung von Gewalt, Unsicherheit und Abwertung entsteht. Frauen sollen gleichberechtigt, selbstbestimmt und frei sein, erleben aber weiterhin, dass öffentliche Räume nicht selbstverständlich sicher sind oder Institutionen und gesellschaftliche Anerkennung nicht gleich verteilt sind. Die politische Mobilisierung rechter Frauengruppen lässt sich daher als spezifische Bearbeitung dieser weiblichen Malaise verstehen.

Rechte Frauengruppen machen ihre eigene potenzielle Vulnerabilität zu einem zentralen Bezugspunkt ihres Aktivismus (Rösch 2022). Sie präsentieren sich damit als legitime Vertreterinnen von Frauenrechten. Ihre Argumentationen zielen darauf ab, feministische Themen mit migrationspolitischen Forderungen zu verknüpfen. Slogans wie „Remigration schützt Frauen“ oder Forderungen wie „Illegal eingereiste Vergewaltiger abschieben – deutsche Vergewaltiger hinter Gitter“ zeigen diese Verschiebung deutlich. Indem die Akteurinnen betonen, Gewalt unabhängig von der Herkunft der Täter zu verurteilen, versuchen sie, sich gegen den Vorwurf selektiver Empörung zu immunisieren. Dennoch bleibt die zentrale argumentative Bewegung bestehen: Sexualisierte Gewalt wird in besonderer Weise mit Migration verknüpft und so zu einem Legitimationspunkt rechter migrationspolitischer Forderungen. Dies zeigt sich auch in den Stellungnahmen rechter Frauen in der Causa Ulmen.[3]

 

Rechte Protestikonen? Bildpolitik und persistente Geschlechterbilder

Die weibliche Malaise wird von rechten Frauengruppen nicht nur argumentativ bearbeitet, sondern auch visuell und affektiv. Ihre Social-Media-Auftritte arbeiten mit Gefühlen von Unsicherheit, Verletzbarkeit und Wut. Frauen werden aufgefordert, angesichts sexualisierter Gewalt und politischer Untätigkeit wütend zu sein. Diese emotionale Ansprache verbindet sich mit spezifischen visuellen Inszenierungen: Die Akteurinnen zeigen sich als Betroffene, als Beschützerinnen anderer Frauen und zugleich als entschlossene Aktivistinnen.

Auffallend bei Lukreta ist, dass frühere Aktionen noch stärker durch eine DIY-Ästhetik geprägt waren, während sich in den letzten Jahren eine zunehmende Professionalisierung beobachten lässt. Die Bildsprache wirkt heute deutlich stärker an Social-Media-Logiken angepasst: visuell klar komponierte Bilder, wiedererkennbare Farb- und Symbolwelten sowie eine ästhetische Inszenierung von Aktivismus. Auch ästhetische Bezüge zu europäischen Schwesterorganisationen machen das Netzwerk visuell erkennbar.

Was bedeutet diese Bildpolitik? Die Akteurinnen präsentieren sich als moderne, selbstbewusste Frauen. Genau darin liegt eine zentrale Verschiebung: Weiblichkeit erscheint nicht nur passiv oder schutzbedürftig, sondern auch aktivistisch, wütend und politisch handlungsfähig. Gleichzeitig bleibt diese Modernisierung an persistente Geschlechterbilder gebunden. Neben der Figur der ‚starken Aktivistin‘ erscheint ‚die schutzbedürftige Frau‘, die ‚junge Mutter‘ oder der Frauenkörper, der mit nationaler Symbolik verschmilzt. Weiblichkeit wird darüber hinaus national codiert. Der Schutz von Frauen meint hier vor allem den Schutz einer bestimmten Vorstellung von Weiblichkeit: cisgeschlechtlich, national/ethnisch zugehörig und heterosexuell lesbar. 

Auffällig ist zudem, dass visuelle Motive aus anderen politischen Kontexten aufgegriffen werden. So werden etwa Bilder aus internationalen Protestbewegungen adaptiert, beispielsweise wenn sich Aktivistinnen von Lukreta eine Zigarette mit dem brennenden Foto des Ajatollahs anzünden. Solche Bildpraktiken suggerieren eine Verbundenheit mit globalen feministischen Kämpfen. Zugleich werden diese Motive in eine rechte Deutung überführt: Aus dem Kampf gegen patriarchale Gewalt wird eine Erzählung vom vermeintlich egalitären Westen im Gegensatz zum Islam insgesamt.[4] Feministische Bildsprache wird so in den rechten Deutungsrahmen überführt. 

Gerade darin zeigt sich die Gleichzeitigkeit von Verschiebung und Persistenz im Geschlechterverhältnis. Rechte Frauengruppen nutzen die Sichtbarkeit und Handlungsfähigkeit, die feministische Kämpfe erstritten haben. Sie treten als junge, aktive und selbstbewusste Frauen auf. Gleichzeitig stabilisieren sie die binäre Ordnung von Geschlecht und verknüpfen Weiblichkeit mit nationaler Zugehörigkeit und Mutterschaft. 

 

Fazit: Frauenrechte als umkämpftes Terrain

Die Sichtbarkeit rechter Frauengruppen zeigt, dass feministische Begriffe und Errungenschaften längst nicht mehr ausschließlich im Kontext emanzipatorischer Politik stehen. Vielmehr sind sie zu einem umkämpften Terrain politischer Deutung geworden. Frauenrechte fungieren in diesen Gruppen als übergeordneter Deutungsrahmen, in den unterschiedliche gesellschaftliche Konflikte eingeordnet werden: Migration wird als Frage des Schutzes von Frauen dargestellt, ebenso Debatten um geschlechtliche Selbstbestimmung, religiöse Kleidervorschriften oder reproduktive Rechte.

Die Argumentationen rechter Frauengruppen knüpfen an reale Erfahrungen und Ängste an. Sie reagieren auf Gewalt, Unsicherheit und ein uneingelöstes Gleichheitsversprechen. Statt jedoch die strukturellen Ursachen dieser Erfahrungen in den Blick zu nehmen, projizieren sie die Schuld auf Feindbilder und entwerfen sich selbst als Gegenbild: als Kollektiv, das Hoffnung und Rettung verspricht. In diesem Sinne lässt sich die Sichtbarkeit rechter Frauengruppen als Ausdruck einer Krisenkonstellation verstehen, in der feministische Errungenschaften, gesellschaftliche Unsicherheiten und nationalistische Deutungen neu miteinander verschränkt werden. Ihr Aktivismus ist daher nicht bloß als Instrumentalisierung feministischer Themen zu verstehen. Er verweist auf widersprüchliche Verschiebungen im Geschlechterverhältnis: auf die Besprechbarkeit sexualisierter Gewalt, auf das uneingelöste Gleichheitsversprechen und auf die Persistenz cis-heteronormativer Geschlechterbilder.

Fußnoten

[1] Website Collectif Nemesis – Manifeste: https://www.collectif-nemesis.com/manifeste (letzter Aufruf 30.04.2026)

[2] Auch in Spanien gibt es den Versuch einen Ableger zu etablieren. 

[3] Einen kompakten Überblick darüber, wie rechte Akteur:innen den Fall Ulmen einordnen und instrumentalisieren, bietet die Publizistin Lina Dahm auf Instagram: https://www.instagram.com/p/DWMD3XjjM7N/.

[4] Verstärkt wird diese Lesart durch den Hashtag „#Cancer“, bei dem das „C“ durch das Hilal-und-Stern-Emoji ersetzt ist. Damit richtet sich die Abwertung nicht nur gegen Islamismus, sondern gegen den Islam als solchen.

Literatur

AK-Fe.In, Autor*innenkollektiv »Feministische Intervention« (2019): Frauen*rechte und Frauen*hass. Antifeminismus und die Ethnisierung von Gewalt. Berlin: Verbrecher Verlag.

Farris, Sara R. (2017): In the Name of Women’s Rights. The Rise of Femonationalism. Durham/ London: Duke University Press.

Löwenthal, Leo (1982): Falsche Propheten. Studien zum Autoritarismus. In: Ebd.: Schriften 3. Zur politischen Psychologie des Autoritarismus. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 9-159.

Rösch, Viktoria (2022): Ressentimentale Politik: Rekonstruktion medialer Gefühlsarbeit (neu-)rechter Frauen. In: Sozialer Sinn 23 (1), S. 73-104.

Wielens, Alia (2019): „Wo bleibt euer Aufschrei?“ Rassistische Umdeutungen von #aufschrei und #metoo durch Identitäre Frauen. In: femina politica 1 S. 111-120.

Oesch, Corinna (2017): Käthe Schirmacher, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/kaethe-schirmacher Zuletzt besucht am: 30.04.2026.